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IHR RECHT AUF EINE ZWEITE MEINUNG

ZweitmeinungDie 65 jährige Maria G. ist völlig verunsichert. Seit ein paar Wochen weiß sie, dass sie an einer seltenen Sarkom-Art erkrankt ist. Seit ein paar Tagen ist erst klar, dass es sich tatsächlich um GIST handelt. Nach dem ersten Schock steht sie nun vor der schwierigen Wahl: Soll sie an einer Patientenstudie mit einem neuen Wirkstoff teilnehmen? Wann ist eine OP sinnvoll? Sie möchte schnellstmöglich eine zweite Meinung einholen. Doch sie hat nun Angst, weil ihr behandelnder Arzt auf ihre Frage "mit einem großen Stirnrunzeln" reagiert hat.

Im Gespräch mit dem Lebenshaus kann Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann, Direktor der Medizinischen Klinik III am Klinikum der Universität München- Großhadern, einige solcher Bedenken aus dem Weg räumen.

 

Herr Professor Hiddemann - viele Patienten haben nach der Erstdiagnose "Krebs" den dringenden Wunsch, sich bei einem zweiten Spezialisten abzusichern. Ist die Einholung einer zweiten Meinung sinnvoll und notwendig?

Das hängt davon ab, was der Patient bei seinem ersten Kontakt mit dem Arzt empfindet und wie kompliziert das Krankheitsbild ist. Wenn eine klare Entscheidungsgrundlage da ist, dann muss man keine zweite Meinung einholen. Für den betreuenden Arzt ist es allerdings äußerst wichtig, dass der Patient sich sicher fühlt. In vielen Fällen ist die Einholung einer zweiten Meinung daher für alle Beteiligten sinnvoll und wünschenswert. Ein Patient sollte seinen Arzt offen über den Wunsch informieren, eine zweite Meinung einzuholen. Dazu hat er das absolute Recht. Der Arzt sollte dem Patienten helfen und auf Wunsch kompetente Kollegen vorschlagen. Diese Absicherung ist für alle von Vorteil. Man kann sich auch an offizielle Informationsstellen wenden, z.B. an die Deutsche Krebshilfe, den Krebsinformationsdienst, das Deutsche Tumorzentrum oder auch die lokalen Selbsthilfegruppen.

 

Viele Patienten trauen sich nicht, zu fragen?

Diese Angst ist leider nicht ganz unbegründet. Es gibt Kollegen, die tatsächlich gekränkt oder beleidigt reagieren. Mein Plädoyer an die Patienten ist, sich davon in keinem Fall abhalten zu lassen.

 

Tragen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für das Einholen einer Zweitmeinung?

Ja, das tun sie.

 

Schafft es der Fachmann in der heutigen Zeit, auf dem aktuellen Stand zu bleiben? Was kann der Patient in dieser Hinsicht von seinem Arzt erwarten?

Er kann von seinem Arzt vor allem Ehrlichkeit erwarten. Jeder Patient wird das verstehen. Das geht auch mir so, als Direktor einer der größten Universitätskliniken in Deutschland. Auch ich kann nicht jede Tumorart bis in alle Details kennen, und ziehe gerne meine Kollegen zu Rate. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das dem Vertrauen von einem Patienten zu mir überhaupt keinen Abbruch tut - im Gegenteil.

 

Was raten Sie einem Patienten, der zwei widersprüchliche Meinungen erhält?

Es gibt einen Punkt, den man in jedem Fall berücksichtigen muss: es muss ein Mindestmaß an Grundvertrauen da sein. Es kommt gar nicht so selten vor, dass verschiedene Meinungen existieren. Das reflektiert nicht unbedingt mangelnde Kompetenz, sondern tatsächlich sind bösartige Tumore sehr komplex und man kann durchaus unterschiedliche Ansichten haben. Es gilt für den Patienten selber, zu fühlen und abzuwägen, welche dieser Ansichten ihm oder ihr am ehesten entsprechen.

 

Die große Unsicherheit bei vielen Patienten muss ja eine Ursache haben – oder?

Das liegt leider oft an unserem "Fachchinesisch". Es ist ganz klar, dass in einem ersten Gespräch manchmal sehr viel besprochen wird, dass von dem Betroffenen nicht alles aufgenommen werden kann. So sind wir Menschen einfach gebaut: es gibt Dinge, die uns überfordern. Wenn der Patient sich ein bisschen gefangen hat, sollte er noch einmal zu seinem Arzt gehen, vielleicht eine vertraute Person mitnehmen. Vier Ohren hören meist mehr als zwei. Ein kundiger Arzt wird das verstehen und vor allem eine einfache Sprache sprechen. Eines ist auch klar: Wir Ärzte stehen unter hohem Zeitdruck, unter wirtschaftlichen Zwängen, sind in ein sehr unbefriedigendes Gesundheitssystem eingepresst. Mein Rat an die Kollegen ist, dass man trotz alledem Rücksicht nimmt und ggf. dem Patienten nicht zu viele Informationen direkt auf einmal zumutet, sondern versucht, dies portionsweise zu tun. Alles andere macht keinen Sinn!

 

Was wünschen Sie sich von den Patienten?

Ich wünsche mir, dass der Patient keine Angst vor seinem Behandlungsteam hat. Wenn ein Patient meint, Stärke zeigen zu müssen, weil er dann den Ärzten einen Gefallen tut, dann ist das falsch. Er darf in der Situation schwach sein. Es ist nicht so, dass ein Patient, egal welche Therapie notwendig ist, dieser Situation völlig ausgeliefert ist. Er hat viele Möglichkeiten, den Verlauf selber mit zu gestalten. Das können ganz kleine Dinge sein: z.B. dass er sich bemüht, häufig aufzustehen, zu essen, sich zu entspannen.

Herr Professor Hiddemann - vielen Dank für dieses hilfreiche Gespräch!

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