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Orale Target-Therapien: „Compliance“ benötigt „Therapie-Kooperation“!

Damit moderne orale Target-Therapien wirken können, ist unter anderem die regelmäßige Einnahme entscheidend. Das heißt: Patienten müssen compliant - also therapietreu, sein. Doch Compliance beinhaltet nicht nur das „Denken" an die tägliche Einnahme der Tabletten oder Kapseln. Compliance - bei den oralen Target-Therapien - bedeutet weit mehr: Sie erfordert auch ein professionelles Therapie- und Nebenwirkungsmanagement durch das Behandlungsteam.

Leider erleben es Patienten, Patientenorganisationen und führende Experten immer häufiger, dass die lebenswichtigen onkologischen Target-Therapien mal eben nur rezeptiert werden: Ohne Aufklärung, Nebenwirkungsmanagement und regelmäßiges Monitoring. Das dies dann öfters zu „individuellen Therapieauslegungen" oder sogar „Drug-Hoildays" bei Patienten führt ist nicht verwunderlich. Das WissensWert-Team (Newsletter des Lebenshauses) sprach mit Markus Wartenberg, dem Vereinssprecher von „Das Lebenshaus e.V." über die Problematik und Lösungsansätze. Im Resumee heißt die Lösung: Problembewusstsein plus Therapie-Kooperation.

WissensWert (WW): Das Thema „Compliance" erhält in der Onkologie einen immer höheren Stellenwert. Warum ist das so?

Markus Wartenberg: Durch die Entwicklung der hoch wirksamen „Target-Therapien" hat sich in den vergangenen Jahren in der Onkologie Vieles verändert. Früher gab es im Wesentlichen die Chirurgie, die Bestrahlung, medikamentöse Therapien wie Immuntherapie oder Chemotherapie per Infusion. Diese Behandlungen wurden ausschließlich in der Klinik oder teilweise ambulant in onkologischen Praxen durchgeführt. Der Patient stand z.B. bei der Chemotherapie in permanentem Kontakt mit seinem Arzt und dem Behandlungsteam. Die Verantwortung für die korrekte Durchführung der Therapie lag ausschließlich beim Arzt. Die heutigen, zielgerichteten Target-Therapien werden dagegen meist in Form von Tabletten oder Kapseln verabreicht und können so ganz bequem zu Hause eingenommen werden. Dies ist einerseits eine tolle Neuerung, denn Patienten können so relativ schnell wieder ihrem gewohnten Leben im familiären Umfeld nachgehen. Andererseits erfordert diese Art der oralen Behandlung - in Eigenregie zu Hause - die Mitverantwortung des Patienten. Das Stichwort hier heißt also: Compliance = Therapietreue!

WW: Können Sie kurz erläutern, was mit Target-Therapien gemeint ist und was Compliance damit zu tun hat?

Markus Wartenberg: Ich möchte einmal ganz bewusst versuchen, dies nicht medizinisch oder wissenschaftlich zu beschreiben, sondern möglichst einfach – für jeden verständlich. Früher dachte man einmal, es gäbe DAS Wundermedikament gegen Krebs, welches man „nur" erfinden müsse. Doch in den letzten Jahren hat man die deutlichen Unterschiede vieler Krebsarten auf „molekularer Ebene" viel besser verstanden. Bei etlichen Tumoren, weiß man inzwischen, was „falsch" läuft und warum es zu unkontrolliertem Zellwachstum kommt. Zum Teil kann man die Lokalisationen, wo etwas „falsch" läuft, genau adressieren, bzw. man weiß sogar genau, wie der Zielpunkt aussieht, den man mit einer Therapie treffen muss, damit das Tumorwachstum zumindest gestoppt wird. So hat man inzwischen Medikamente entwickelt, die in bestimmte Tumorzellen eindringen, sich zielgerichtet – wie „Schlüssel in Schlösser" passgenau einsetzen – und dadurch (indirekt) die Tumorzellen dauerhaft abschalten. Inzwischen gibt es sogar Medikamente, die nicht nur für ein Target (Ziel) entwickelt worden sind – sondern mehrere Zielpunkte gleichzeitig angreifen. Wie bereits erläutert, werden die meisten Target-Therapien oral und als Dauertherapien angewendet. Das heißt: Um das Tumorwachstum zu stoppen, kommt es darauf an, dass die richtige (vom Arzt verordnete) Tablette oder Kapsel - zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Art und Weise und in der vorgegebenen Dosierung – regelmäßig eingenommen wird. Auf unser Beispiel bezogen: Der Patient muss durch permanente Einnahme dafür sorgen, dass immer genügend „Schlüssel" im Körper sind, damit die Tumorzellen abgeschaltet werden können. Nimmt er sein Medikament gar nicht oder nur unregelmäßig ein, sind keine oder viel zu wenige „Schlüssel" im Körper und der Tumor bzw. die Metastasen wachsen weiter. Durch seine Compliance, also Therapietreue hat der Patient eine Mitverantwortung aber auch eine positive Einflussmöglichkeit auf den Erfolg der Therapie.

WW: Was können die Folgen von Non-Compliance sein?

Markus Wartenberg: Wie bereits mit unserem „Schlüssel-Beispiel" erläutert: Ist nicht ausreichend oder dauerhaft Wirkstoff im Körper vorhanden, wachsen die Tumoren und/ oder Metastasen weiter. Das heißt ganz klar: Es kommt zu Rezidiven bzw. zur Progression, also dem Fortschreiten der Erkrankung. In der Verlaufskontrolle/Bildgebung entsteht dann beim behandelnden Arzt der Eindruck, dass die eingesetzten Medikamente nicht ansprechen oder nicht mehr ausreichend wirken. In der Regel führt dies dann zu einem vorzeitigen und eigentlich unnötigen Therapiewechsel. Bei vielen Tumorerkrankungen haben wir nur wenige wirksame Medikamente zur Verfügung. Daher ist es wichtig, dass jede dieser Therapien optimal gemanagt und möglichst lange – bei möglichst guter Lebensqualität des Patienten - eingesetzt wird. Weitere Folgen einer Non-Compliance können unter Umständen häufigere Arztbesuche, längere Behandlungszeiten und zusätzliche Klinikaufenthalte sein. Also sicherlich nichts, was sich ein Betroffener wünschen würde. Und: Wie Sie wissen, diskutieren wir hoch aktuell über die Kosten unseres Gesundheitssystems. Die geringe Therapietreue von Patienten führt zu zusätzlichen Kosten für unser Gesundheitssystem von mehreren Milliarden Euro pro Jahr. Auch dies ist sicherlich nicht im Sinne von Patienten, Ärzten, der Industrie und unserer gesamten Volkswirtschaft.

WW: Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Non-Compliance gemacht? Woran kann es liegen, dass Patienten sich nicht an die verordnete Medikation halten?

Markus Wartenberg: Gründe, welche die Compliance beeinflussen, kann es im Alltag viele geben. Dies kann von „einfach mal vergessen" gehen - bis zur bewussten Nicht- Einnahme der Therapie oder zur Einnahme, kurz vor der nächsten Kontroll-Untersuchung. Im Wesentlichen haben wir es im Alltag – neben eventueller „Vergesslichkeit" - mit folgenden Gründen zu tun:

  • Fehlende, falsche oder unverständliche Information. Wird ein Patient nicht richtig über die Erkrankung, die Therapie, deren Nutzen/Notwendigkeit, etc. aufgeklärt, wird er auch nicht verstehen, warum er sich so strikt an den Therapieplan halten soll.
  • Nebenwirkungen: Verglichen mit einer Immuntherapie oder einer klassischen Chemotherapien, sind die Target-Therapien im Allgemeinen relativ gut verträglich. Trotzdem kann es zu Nebenwirkungen kommen. Haben Betroffene da- mit zu kämpfen, kann die Lebensqualität extrem darunter leiden. Häufig werden dann die Tabletten einfach nicht ein- genommen oder zur Minderung der unerwünschten Effekte pflanzliche oder alternative Heilmethoden in Eigenregie – also ohne vorherige Absprache mit dem Arzt, eingesetzt. Auch dies kann die Wirksamkeit der Therapie eventuell vermindern. Daher raten wir immer zum ausführlichen Gespräch mit dem behandelnden Arzt oder Onkologen.
  • Psychologische Faktoren: Häufig ist es so, dass sich Patienten unter Target-Therapien sehr gut fühlen. Diese Tatsache und die „einfache" Medikamenteneinnahme zu Hause können zu einer „Verharmlosung" der Erkrankung führen. Denn wer sich gut fühlt und gut aussieht, kann ja gar nicht so krank sein - oder? Tabletten werden daher schon mal weg gelassen oder nur unregelmäßig eingenommen. Ein schwerwiegender Trugschluss. Wieder andere Patienten nehmen die verordneten Medikamente nicht oder nur unregelmäßig ein, weil sie sich erst durch das Medikament oder die Nebenwirkungen an die eigentliche Erkrankung erinnert fühlen.
  • Seit Kurzem werden die oralen Target-Therapien auch zur adjuvanten – vorsorglichen - Therapie eingesetzt. Das heißt: Der Patient wurde erfolgreich operiert, ist eigentlich tumorfrei und soll nun eine Therapie als Prophylaxe – also zur Vorsorge – nehmen, damit die Tumorerkrankung nicht wieder zurückkommt. Auch hier kann es ein psychologischer Faktor sein, eine Therapie über einen langen Zeitraum einzusetzen, obwohl man sich ja „gesund" fühlt und kein „erfassbarer" Tumor vorhanden ist.

WW: Sie sprachen von Therapie-Management, Aufklärung und das Gespräch mit dem Arzt. Das heißt: Compliance begrenzt sich nicht nur darauf, dass der Patient sein Medikament richtig und regelmäßig einnimmt?

Markus Wartenberg: Ja, das ist absolut richtig! Leider erleben wir als Patientenorganisationen es immer öfter, dass die Verantwortung ausschließlich hin zum Patienten geschoben wird. Immer häufiger finden keine Aufklärungsgespräche durch die behandelnden Ärzte statt, Medikamente werden - in wenigen Minuten - lediglich „rezeptiert" und das Therapiemanagement findet nicht oder kaum statt. Die Folge: Betroffene sind mit ihren Fragen, den Therapien und deren Folgen alleine gelassen!

WW: Worin liegt dieses mangelhafte Therapiemanagement begründet?

Markus Wartenberg: Dies hat – wie immer im Leben – sehr viele unterschiedliche Gründe: Mangelndes Problembewusstsein z.B. Es ist absolut wichtig, dass sich Mediziner, Pflegepersonal und Patienten eines ganz deutlich vor Augen führen: Es handelt sich um onkologische – fast immer lebensbedrohliche Erkrankungen – die hier behandelt werden. Und nur, weil die Therapie in oraler Form verabreicht wird – ist die Erkrankung nicht weniger schlimm. Also völlig egal, ob eine Krebserkrankung mit Chirurgie, Bestrahlung, Chemo oder oralen Target-Therapien behandelt wird: Es geht in der Regel ums Überleben und um einen 150-prozentigen Einsatz für die jeweilige Therapie. Weiter werden genannt:

  • Alltägliche Gründe, wie z.B. Zeitdruck in Praxis oder Klinik.
  • Mangelhafte Vergütungssätze für Aufklärung und Management dieser Therapien.
  • Fehlenden Versorgungsstrukturen im Bereich der Pflege wie z.B. die Entlastung des Arztes durch ausgebildete Onkologie- oder Therapie-Schwestern.
  • Und nicht zuletzt fehlende Qualifikation bei den Ärzten.

Leider dürfen auch Mediziner diese Therapien rezeptieren, die bezüglich bestimmter Erkrankungen, oraler Target-Therapien und Nebenwirkungsmanagement kaum oder keine Ahnung haben. Sie würden es kaum glauben, was wir in diesen 8 Jahren in der Patientenorganisation erlebt haben: Alles - vom perfekten, vorbildlichen Therapiemanagement bis hin zu Verhaltensweisen, für die man durchaus Begriffe wie unterlassene Hilfeleistung, Körperverletzung oder Kunstfehler verwenden könnte.

WW: Sie erwähnten gerade noch einmal Nebenwirkungsmanagement. Wie hängt das mit der Compliance zusammen und was erwarten Sie hier vom Arzt?

Markus Wartenberg: Ein ganz zentraler Punkt des Therapiemanagements ist das Nebenwirkungsmanagement! Auch wenn die Target-Therapien insgesamt verträglicher sind als viele Chemotherapien, kommt es doch häufig zu Nebenwirkungen. Nicht behandelte Nebenwirkungen können einerseits eine enorme Auswirkung auf die „Motivation zur Therapie" haben und anderseits für die Lebensqualität des Patienten von enormer Bedeutung sein. Wenn also Patienten keine Informationen erhalten, wie sie bestimmten Nebenwirkungen vorbeugen können oder diese lindern können, ist der nächste Schritt nicht weit: Betroffene lassen einzelne Tabletten weg, entwickeln ihre eigenen Therapieschemata oder gönnen sich sogar „Drug Holidays" – also eine „Auszeit" von den Medikamenten, um Nebenwirkungen abzumildern und die Lebensqualität zu erhalten. Aus Untersuchungen wissen wir, dass nur 7 von 10 Ärzten ihre „Target-Patienten" aktiv nach Nebenwirkungen fragen – und etliche Patienten trauen sich oft nicht diese offen bei ihren Ärzten anzusprechen. Arzt und Patient haben beide - gleichermaßen - eine Teilverantwortung für eine erfolgreiche Therapie. Das heißt: Spricht der behandelnde Arzt also den Punkt „Nebenwirkungen" nicht von sich aus an, sollten Patienten die Initiative ergreifen und Probleme selbst thematisieren. Kein Patient sollte unter vermeidbaren Nebenwirkungen leiden müssen oder glauben er könne seinen Arzt nicht damit „behelligen".

WW: Wo sehen Sie also – als Resumee – den Lösungsansatz für eine bessere Compliance bei oralen Target-Therapien?

Markus Wartenberg: Zunächst geht es – wie bereits erläutert – um das „Problembewusstsein" bei Industrie, Fachgesellschaften, Ärzten, Pflegepersonal, onkologischer REHA und Patienten/Patientenorganisationen. Völlig unabhängig von einer bestimmten Erkrankung oder einer bestimmten Therapie, müssen alle erkennen, dass wir mit der Compliance bei den oralen Target-Therapien eine gemeinsame Aufgabe haben, die Lösungen in allen Bereichen erfordert. Die Therapietreue des Patienten ist hierbei nur ein Faktor. Genauso wichtig sind verbesserte Bedingungen in den Strukturen, bei der Ausbildung und beim Therapie- und Nebenwirkungsmanagement durch das Behandlungsteam. Ein wichtiger Faktor des Therapieerfolges – die Compliance – hängt vom Therapie- und Nebenwirkungsmanagement ab und somit von der Qualität der Information und der Arzt-Patienten-Kommunikation. Daher fordern wir im Sinne der „Target-Patienten", dass sich alle beteiligten Gruppen gemeinsam stärker – durch bessere Aufklärung, Kommunikation und Unterstützung – um die Optimierung des Managements bei den oralen Target-Therapien kümmern. Glücklicherweise, sehen wir hierzu erste gute Ansätze und Aktivitäten dies zu lösen.

WW: Was möchten Sie zum Abschluss Ärzten und Patienten noch mit auf den Weg geben?

Markus Wartenberg: Dies ist eigentlich ganz einfach – Therapietreue bei den oralen Target-Therapien erfordert die „Therapie- Kooperation" zwischen Arzt und Patient. Bei einer Krebsbehandlung sollten Arzt und Patient immer an einem Strang ziehen und beide aktiv an einem guten Gelingen „arbeiten". An die „Adresse" der Ärzte bzw. des Behandlungsteams: Die oralen Target-Therapien erfordern Expertise, Erfahrung und Engagement in Form eines kontinuierlichen und professionellen Therapie- und Nebenwirkungsmanagements sowie eine offene Kommunikation mit den Patienten. Sollte ein Arzt dies nicht leisten wollen oder können – sollte er schlichtweg keine Patienten mit diesen Therapien behandeln. Aus Erfahrung wissen wir: Es gibt doch etliche Mediziner, die dies sehr gerne und hoch professionell tun. An die „Adresse" der Patienten: Die oralen Target-Therapien erfordern ein Höchstmaß an Therapietreue – also regelmäßige und richtige Einnahme. Ihr Arzt hat täglich viele Patienten zu behandeln und kann speziell Ihre Situation nicht erahnen. Daher: Sollten Sie Fragen, Wünsche, Bedenken, Probleme, Nebenwirkungen haben – sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt darüber – ja fordern Sie ihn. Es geht um Ihre Interessen – um Ihr Leben, bei welchem Sie die Verantwortung auch für die Therapie nicht einfach abgeben sollten.

WW: Vielen Dank Herr Wartenberg – für dieses Interview.

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