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NIERENKREBS

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Immuntherapie bei Nierenkrebs

 

Der Weg zur Immuntherapie wurde bereits vor über 100 Jahren von William Coley bereitet: Der Chirurg entdeckte, dass Krebspatienten, die nach ihrer Tumor-Operation eine Infektion erlitten, teilweise länger lebten als andere Erkrankte. Er vermutete, dass dieser Effekt auf die Arbeit des Immunsystems zurückzuführen sei. Daraufhin begann Coley seinen Krebspatienten einen Cocktail aus abgetöteten Bakterien “Coleys Toxin” (toxin, engl. = Gift), direkt in den Tumor zu spritzen. Dies führte zu einer starken Entzündungsreaktion, verbunden mit vielen Nebenwirkungen. Die Methode zeigte meist nur mäßigen Erfolg, aber in einzelnen Fällen konnte die Krebserkrankung aufgehalten werden, teilweise sogar für mehrere Jahre.

Heute verstehen wir besser, wie unser Abwehrsystem arbeitet, was einer Krebserkrankung im Körper genau passiert. Basierend auf diesem Wissen werden derzeit neue Ansätze in der Krebsbehandlung, die so genannten neuen oder auch spezifischen Immuntherapien, entwickelt.

Ziel der Immuntherapie ist es, das eigene Immunsystem im Kampf gegen den Krebs zu stärken bzw. zu unterstützen und die Tarnung der Tumorzellen aufzudecken. Dabei werden genau die Zellen und Botenstoffe eingesetzt, die sich im Dienst der körpereigenen Abwehr befinden.

Warum überhaupt eine Immuntherapie bei Nierenkrebs?

Das Nierenzellkarzinom gilt als so genannter immunabhängiger Tumor: Patienten, die eine Behandlung zur Unterdrückung des Immunsystems (immunsuppressive Therapie, z.B. bei Organtransplantationen) erhielten, erkrankten häufiger an einem Nierenzellkarzinom. Daraus schloss man, dass ein geschwächtes Immunsystem eine Rolle in der Entstehung der Erkrankung zu spielen scheint. Im Umkehrschluss lies dies jedoch auch vermuten, dass eine entsprechende Anregung des Immunsystems, eine gewisse Wirksamkeit gegen das Nierenzellkarzinom haben dürfte. Daher wurde das Nierenzellkarzinom bereits vor Jahren mit einer sogenannten unspezifischen Immuntherapie behandelt.

In letzter Zeit haben sich neue Arten der Immuntherapie (auch als immunonkologische Therapien oder IO bekannt) bei einigen Krebsarten als erfolgreich erwiesen. Beispielsweise waren erste Studien mit Immunonkologika gegen fortgeschrittenen Hautkrebs (Melanom) und Lungenkrebs sehr ermutigend. Manche dieser Medikamente sind in einigen Ländern bereits zugelassen. Die neuen immunonkologische Therapien, einschließlich Impfungen, werden derzeit in Studien auf ihre Wirksamkeit bei Nierenkrebs untersucht.

In dieser Stelle erfahren Sie mehr über die neuen Immun-Therapien, die derzeit für den Einsatz bei Nierenkrebs untersucht werden. Sie lernen, wie diese Behandlungsmethoden funktionieren und welche Nebenwirkungen auftreten könnten. 

 

Welche Arten der Immuntherapie gegen Krebs gibt es?

Krebs ist keine Infektion, doch das menschliche Abwehrsystem kann auch Krebszellen als „ungewollte Eindringlinge“ erkennen. Das heißt, der Körper bemerkt die bösartig veränderten Zellen und aktiviert sein Abwehrsystem. Die Tumorzellen sollen bekämpft und unschädlich gemacht werden. In einzelnen Fällen von Haut- oder Nierenkrebs kam es dadurch sogar zu so genannten spontanen Remissionen. Das heißt, der Krebs wurde auf wundersame Weise geheilt.

Doch leider funktioniert dies nicht immer. So können Krebszellen beispielweise bestimmte Schalter unseres Abwehrsystems einfach ausknipsen und dadurch die Abwehrreaktion des Körpers erheblich schwächen: Fehlen den Tumorzellen bestimmte Signale, behandelt das Immunsystem die Zellen wie gesundes Gewebe. Die Krebszelle macht sich so für das Immunsystem „unsichtbar“, sie "tarnt" sich.

Das Ziel der Immuntherapie ist es, das körpereigene Immunsystem zu stärken und im Kampf gegen den Krebs zu unterstützen. Immer in der Hoffnung, dass dadurch mehr Patienten von der Stärke des eigenen Immunsystems profitieren können.

Derzeit sind verschiedene Arten der Immuntherapie gegen unterschiedliche Krebsarten verfügbar oder werden in Studien untersucht:

1. Impfungen gegen Krebs

Impfungen wurden in der Vergangenheit bereits bei verschiedenen Krebsarten untersucht. Doch die bisherigen Impfstoffe waren leider nicht besonders effektiv. Derzeit laufen nun Studien mit neuartigen Impfstoffen gegen Nierenkrebs.

Andere wichtige Impfungen gegen bestimmte Viren, die eine Krebserkrankung auslösen können (wie zum Hepatitis B und HPV - das humane Papillomavirus) existieren bereits. Genau diese Impfungen verhindern jedes Jahr hunderttausende Krebserkrankungen auf der ganzen Welt.
Mehr zu Impfungen lesen Sie hier.

2. Zytokine (Immunhormone)

Das Immunsystem kommuniziert über Hormone (wie Interleukin und Interferon). Hohe Dosen dieser Hormone wurden bereits vor vielen Jahren als Injektion zur Behandlung von Krebs, u.a. auch von Nierenkerbs, verabreicht.
Mehr zur Zytokinen lesen Sie hier.

3. Immunzelltherapie

Dabei werden Abwehrzellen (die Leukozyten) aus dem Blut des Patienten entnommen, außerhalb des Körpers aufbereitet und dem Patienten anschließend wieder verabreicht. Dabei handelt es sich um die so genannten Tumorinfiltrierenden Lymphozyten (TILs) oder, nach weiterer Modifikation, die chimäre Antigenrezeptor (CAR)-Therapie.
Mehr zu Immunzelltherapien lesen Sie hier.

4. Checkpoint-Hemmer

So genannte monoklonale Antikörper wurden entwickelt, um das “Händeschütteln” zwischen den Immunzellen und ihren Zielen zu verhindern. Dies ist sicherlich das vielversprechendste Feld in der Immuntherapie zur Krebsbehandlung (für weitere Informationen lesen Sie bitte die Frage „Wie funktionieren die Checkpoint-Inhibitoren?“).

Klinische Studien versuchen zu klären, wie die Krebsbehandlung personalisiert, also auf den jeweiligen Tumor und seine Eigenschaften zugeschnitten werden könnte. Einige Studien verlangen daher eine Biopsie oder Gewebeprobe des Tumors. So hoffen Wissenschaftler bald zu klären, welche Krebstypen besonders gut auf die IO-Therapie ansprechen.

Wie unterscheiden sich die neuen immunonkologischen Behandlungsmöglichkeiten von den bisherigen Nierenkrebs-Therapien?

Die derzeitige Standard-Therapie bei Nierenkrebs erfolgt meist mittels so genannten zielgerichteten Target-Therapien. (Weitere Informationen zu dieser Form der Therapie finden Sie hier: Medikamentöse Therapie.

Diese Medikamente greifen hauptsächlich in die Blutversorgung des Tumors ein: Dieser wird nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt und kann somit auch nicht weiter wachsen. Auf diese Art ist keine komplette Heilung möglich, jedoch soll der Krebs „in Schach“ gehalten werden. Angestrebt ist eine Chronifizierung der Erkrankung. Für die Therapie bei Nierenkrebs bedeutet dies, dass die Target-Therapien solange eingenommen werden, bis die Erkrankung fortschreitet. Wie lange dies genau ist, ist individuell sehr verschieden. Durch die konstante Einnahme können auch mögliche Nebenwirkungen ständig vorhanden sein.

Immuntherapien sind dagegen so ausgelegt, dass sie unser körpereigenes Immunsystem stimulieren und es dabei unterstützen den Eindringling „Krebs“ zu erkennen und zu vernichten. Daher könnte es sein, dass die Medikamente auch nicht „für immer“ verabreicht werden müssen. Wie lange eine Einnahme sinnvoll ist, wird derzeit noch erforscht.

Für wen sind die neuen Immuntherapien geeignet?

Es gibt viele verschiedene Ansätze zur Immuntherapie bei Nierenkrebs. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich leider nicht genau sagen, welche Patienten von welcher der neuen Therapien am besten profitieren.

Derzeit laufen Studien für Patienten mit klarzelligem Nierenzellkarzinom oder mit einer klarzelligen Komponente im Tumor. Studien für Patienten mit nicht klarzelligem Nierenzellkarzinom sind für die Zukunft durchaus denkbar, finden momentan jedoch noch nicht statt.

Wie sieht die Behandlung mit einer neuen Immuntherapie aus und wie lange muss sie erfolgen?

Je nach Art der Immuntherapie unterscheiden sich die Darreichungsformen. Meist werden die Medikamente im Krankenhaus als Flüssigkeit intravenös (per Tropf/Injektion in eine Vene hinein) verabreicht. Einzelheiten finden Sie bei den jeweiligen Studienbeschreibungen.

Wie lange die Therapie fortgeführt werden muss, hängt vom jeweiligen Wirkstoff ab. Im Falle der Immun-Checkpoint-Hemmer werden die Medikamente im Rahmen von Studien meist solange gegeben, wie sie wirken. Wie lange die Behandlung zukünftig erfolgen wird, ist noch nicht ganz klar. Allerdings ist abzusehen, dass sie nicht fortlaufend erfolgen muss, wie dies bei den Target-Therapien der Fall ist. Aufgabe künftiger Studien wird es sein, diese Frage zu klären.

Wo ist die Nierenkrebs-Behandlung mit einer neuen Immuntherapie möglich?

Seit dem 05.04.2016 gibt es eine Zulassung für Nivolumab (Opdivo®) zur Behandlung des metastasierten (vorbehandelten) Nierenzellkarzinoms bei Erwachsenen

Weitere Wirkstoffe sind lediglich im Rahmen von klinischen Studien verfügbar. Einige ausgewählte Studien finden Sie hier: Studiendatenbank

Bei den meisten der derzeit laufenden Untersuchungen handelt es sich um Phase III-Studien - Hintergrundinformationen zu Studien gibt es hier. Erweisen sich die Medikamente innerhalb dieser Studien als erfolgreich, könnten weitere Zulassungsverfahren in näherer Zukunft beginnen. Diese sind in verschiedenen Ländern oftmals sehr unterschiedlich, daher kann ein genauer Zeitpunkt noch nicht angegeben werden. In der Regel jedoch erfolgen wesentliche Zulassungsverfahren über die FDA (Food & Drug Administration) für USA und über die EMA (European Medicines Agency) für Europa – sowie für viele Länder wie z.B. für Japan oder Schweiz in den jeweiligen Ländern.

Welche Nebenwirkungen können bei einer immunonkologischen Behandlung auftreten?

Im Vergleich zu den Target-Medikamenten zeigen die neuen Immuntherapeutika im Allgemeinen weniger Nebenwirkungen. Allerdings können sie zu Beschwerden führen, die durch Entzündungsmechanismen im Körper hervorgerufen werden und eine medikamentöse Behandlung nötig machen. Dabei ist es nicht selten, dass sich eigentlich nur leichte Nebenwirkungen relativ schnell verschlimmern. Bereits bei geringen Beschwerden sollte deshalb zeitnah ein Arzt aufgesucht werden.

Wichtig: Wenn Sie eine der neuen Immuntherapie erhalten, sollten Sie nicht versuchen, Nebenwirkungen selbst zu behandeln. Der Einsatz von verschreibungspflichtigen Medikamenten könnte nötig sein. Besprechen Sie dies mit Ihrem behandelnden Arzt!

Folgende Nebenwirkungen sollten Sie umgehend mit Ihrem Arzt besprechen: 

  • Atmung: Kurzatmigkeit, erschwertes Ausatmen, Verringerung der Sauerstoffsättigung, Husten, Rasselnde Atmung
  • Haut: Juckreiz, Ausschlag, Abschälen der Haut, Hautabschürfungen
  • Magen-Darm-Trakt: Veränderungen der normalen Darm-Tätigkeit (Verstopfung, Durchfall), Blut oder Schleim im Stuhl, Bauchschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Gewichtsverlust
  • Augen: Entzündungserscheinungen im Augenbereich, Einschränkungen des Sehfeldes
  • Neurologisch: sensorische Beschwerden (Kribbeln, Taubheitsgefühl in den Armen/Beinen), motorische Einschränkungen (Probleme beim Gehen, Gleichgewichtsstörungen)
  • Allgemeinzustand: Fieber, Müdigkeit, Abgeschlagenheit (Fatigue), Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Austrocknung (Dehydrierung), Schockzustand, Verhaltensveränderungen, niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen
  • Laborwerte (werden vom Arzt festgestellt):
    • Niere: Veränderungen des Kreatinin-Wertes
    • Leber: Auffälligkeiten der Leberfunktion erhöhte Blutwerte (AST, ALT, Bilirubin), Gelbsucht, unnormale Lipase-Werte
    • Schilddrüse: veränderte TSH Werte, Störungen im Elektrolythaushalt

 

Gut zu wissen: Nebenwirkungen können teilweise auch noch Monate nach Beendigung der Therapie auftreten.

Kann eine Immuntherapie zu einer kompletten und anhaltenden Heilung des Krebses führen?

Wissenschaftler und führende Nierenkrebs-Experten sind bestrebt, diese Frage mittels Studien zu beantworten. Eines ist klar: Die neuen Immuntherapien sind medizinische Innovationen, die noch über einen längeren Zeitraum erprobt werden müssen. Diese neue Art von Immuntherapie ist leider auch keine „Wunderwaffe“ oder ein Heilmittel gegen das metastasierte Nierenzellkarziom.

Bisherige Studiendaten lassen jedoch vermuten, dass es Nierenkrebs-Patienten mit metastasierter Erkrankung gibt, die gut auf die neuen Immuntherapien ansprechen. Hier kann die Krankheit über einen längeren Zeitraum kontrolliert werden. Dies bedeutet für Patienten eine therapiefreie Zeit ohne Medikamenteneinnahme und Nebenwirkungen.

Andererseits gab es in Studien aber auch metastasierte Nierenkrebs-Patienten, die nicht so gut auf die Therapie ansprachen und die Medikamente nur eine geringe oder keine Wirkung zeigten.

Tatsächlich wird das Wort „Heilmittel“ oftmals in den Medien benutzt, von Nierenkrebs-Experten werden Sie dies aber wohl eher nicht hören. Von “Heilung” wird erst gesprochen, wenn die Erkrankung komplett verschwindet und auch für die nächsten 5, 10 oder 15 Jahre nicht zurückkommt.

Die Wirksamkeit des ersten Checkpoint-Antikörpers bei Melanomen (Hautkrebs) wurde jedoch erst 2010 in Studien gezeigt. Aussagen über mehrere Jahre sind daher noch kaum möglich. Allerdings sind die Überlebensraten derjenigen Patienten, die am längsten mit den Wirkstoffen behandelt werden, sehr vielversprechend. Momentan ist es noch zu früh, um etwas über die Wirksamkeit der neuen Behandlungsmethoden bei Nierenkrebs auszusagen. Auch ist nicht klar, welche Patienten wirklich davon profitieren. Trotzdem sind die neuen Therapien sicherlich ein großer Durchbruch in der Krebsbehandlung.

Zurzeit lässt sich nicht voraussagen, welcher Patient von einer der neuen Immuntherapie profitieren könnte. Hier sind weitere klinische Studien nötig, um so genannte Biomarker, z.B. bestimmte Werte im Blut (Biomarker), zu bestimmen, die auf einen möglichen Therapie-Erfolg hindeuten könnten. Auch dies ist derzeit Gegenstand der Forschung, ausgewählte Studien finden Sie hier: Studiendatenbank

 

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