lebh nier logo header lebh nier headerbild

NIERENKREBS

Erbliche Nierenzellkarzinome


Es gibt einen bekannten Satz: „Krebs ist immer genetisch bedingt, aber nicht immer erblich“. Aber was bedeutet das?

Krebserkrankungen entstehen in den meisten Fällen durch eine erworbene genetische Veränderung - dieses wird auch als sporadische Krebserkrankung bezeichnet.

Diese Veränderungen können verschiedene Ursachen haben, beispielsweise der langfristige Umgang mit bestimmten chemischen Substanzen, Umweltbedingungen, Lebensgewohnheiten (Rauchen, Übergewicht) und vieles mehr. Lesen Sie hierzu bitte auch: Wie Krebs entsteht  und Risikofaktoren bei Nierenkrebs

Es gibt jedoch auch Krebserkrankungen, die durch eine familäre Vorbelastung entstehen. Bei Nierenkrebs ist das bei ca. 8-10 % der Fall. Das bedeutet, dass sich in diesen Fällen eine Veränderung des Erbmaterials (in den Genen) feststellen lässt, welches in den Familien vererbt wird. So gibt es 16 verschiedene Gene, die Nierenkrebs hervorrufen können. 13 von diesen Genen können erbliche Krebssyndrome verursachen.

Ein kleiner Ausflug in die nicht zu lang zurückliegende Vergangenheit: Noch in den 80er Jahren war Nierenkrebs eine einzige Erkrankung. So wurden im Jahr 1981 laut WHO (Weltgesundheitsbehörde) Tumoren in der Niere allgemein nur in Nierenzellkarzinom (bösartig) und Nierenzelladenome (gutartig) unterschieden. Heutzutage weiß man, dass es verschiedene Krebserkrankungen sind, die einfach nur in ein und demselben Organ auftreten.

An dieser Stelle beschreiben wir fünf dieser seltenen erblichen Tumorerkrankungen und welche Nierenkrebs-Subtypen sie verursachen:

  • von Hippel Lindau (VHL): verursacht klarzellige Nierenzellkarzinome
  • Erblich bedingtes papilläres Nierenzellkarzinom: verursacht papilläre Nierenzellkarzinome des Typ 1
  • Birt-Hogg-Dubé Syndrom: verursacht vornehmlich chromophobe oder hybride Nierenzellkarzinome
  • MiT-Familien-Translokations Nierenzellkarzinom – Micropthalmia transcription Factor (MITF): verursacht vornehmlich papilläre oder klarzellige Nierenzellkarzinome
  • Reed Syndrom, auch erbliche Leiomyomatose mit Nierenzellkarzinom (HLRCC) genannt: verursacht papilläre Nierenzellkarzinome des Typs 2

Die von-Hippel-Lindau Erkrankung


Namensgeber der Erkrankung sind der Göttinger Augenarzt Eugen von Hippel (1867-1939) und der schwedische Pathologe Arvid Lindau (1892-1958). Von Hippel beschrieb 1904 erstmalig Gefäßmissbildungen (Angiome) des Auges, Lindau 1926 Gefäßmissbildungen im Rückenmark.

Bei dieser Erbkrankheit können gutartige Gefässmissbildungen sowie Tumoren in verschiedenen Organen und Körperregionen auftreten, nicht nur in den Nieren, sondern beispielsweise auch in:

  • Augen (retinales Angiom)
  • Kleinhirn und Rückenmark (Hämangioblastom),
  • Nebennieren (Phäochromozytom)
  • Bauchspeicheldrüse (Zysten und pankreatischer neuroendokriner Tumor)
  • Innenohrtumor (Felsenbeintumor)

Meistens sind beide Nieren betroffen – mit mehreren Nierenzysten oder auch Nierenzellkarzinomen. Experten betonen, dass es wichtig wäre diese Tumoren erst dann zu operieren, wenn der größte Nierentumor 3 cm groß ist. Auch gibt es mehrere Studien mit Medikamenten, speziell für Patienten mit dem VHL-Syndrom, z.B. mit Vandetanib, HSP90 oder auch einen HIF-2alpha-Hemmer.

Mehr über die VHL Erkrankungen erfahren Sie auf der Webseite des Vereins VHL betroffene Familien e.V.: http://www.hippel-lindau.de/

Erblich bedingtes papilläres Nierenzellkarzinom (HPRC)

Diese seltene Erbkrankheit tritt zumeist zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr auf. Patienten bekommen eine bestimmte Art eines papillären Nierenzellkarzinoms Typ 1. Zumeist haben Patienten mehrere Tumoren auf beiden Nieren. Da auch hier mehrere Tumoren auf beiden Nieren auftreten können empfehlen Experten auch bei diesen Tumoren die „3 cm Regel“ einzuhalten.

Auch eine Verkleinerung der Tumoren durch eine medikamentöse Therapie ist denkbar. Dabei ist es wichtig, dass der Wachstumsfaktor MET gehemmt wird, da er bei dieser Nierenkrebs-Art eine große Rolle zu spielen scheint. Eine kleine Studie mit einem Wirkstoff namens Foretinib zeigte bei dieser Art Tumoren gute Erfolge. Jedoch ist dieses Medikament nicht zugelassen. Zur Zeit gibt es in Deutschland die CREATE Studie, die einen Wirkstoff namens Crizotinib in verschiedenen soliden Tumoren testet – unter anderem auch das papilläre Nierenzellkarzinom Typ 1. Auch das bereits zugelassene Medikament Cabozantinib hemmt den Wachstumsfaktor MET und könnte für die Behandlung von ihrem Arzt in Betracht gezogen werden. Mehr über die CREATE Studie finden Sie in unserem Studienregister:

http://www.daslebenshaus.org/studienallgemein/studienregister

Die Birt-Hogg-Dubé Erkrankung

Das Birt-Hogg-Dubé (BHD)-Syndrom ist eine Erbkrankheit, die ursprünglich im Jahre 1977 von drei kanadischen Ärzte beschrieben wurde: Arthur R. Birt, Georgina R. Hogg und William J. Dubé. Das BHD-Syndrom wurde anfänglich als eine Hautkrankheit identifiziert, da sie sich durch viele kleine Hautknötchen auf Nase, Wangen, Stirn, Ohren und Hals auszeichnet.

In den letzten Jahren sind noch mehr Symptome mit dem BHD-Syndrom in Verbindung gebracht worden wie z.B. Lungenzysten, Pneumothorax und gutartige (benigne) Tumoren der Haarfollikel. Außerdem haben BHDS-Patienten ein erhöhtes Risiko sowohl gutartige (Onkozytome) als auch bösartige Nierentumoren zu entwickeln:

  • nur ein Drittel bis ein Viertel aller BHD-Syndrom-Patienten bekommen Nierenkrebs
  • alle Arten von Nierenzellkarzinomen können auftreten – jedoch vornehmlich chromophobe, papilläre, klarzellige Suptypen oder Mischformen
  • die Nierentumoren können dabei beide Nieren gleichzeitig (bilateral) betreffen oder an mehreren Stellen gleichzeitig (multifokal) auftreten
  • Die Nierentumoren entstehen in der Regel erst nach dem Auftreten von Hautläsionen

Auch bei dem Birt-Hogg-Dubé Syndrom wird empfohlen die Tumoren erst zu operieren, wenn der größte Tumor 3 cm groß ist.

Mehr über das Birt-Hogg-Dubé Syndrom finden Sie auf den Seiten der BHDS Stiftung: https://www.bhdsyndrome.org/deutsch-informationsbroschuren/

Das MiTF-Familien-Translokations Nierenzellkarzinom – Micropthalmia transcription Factor (MITF)

MiTF ist eine Genveränderung die häufig Hautkrebs, Nierenkrebs oder beide Krebsarten verursachen kann. Diese seltene Nierenkrebsart kommt bei 1,6 - 4 % der Patienten im Erwachsenenalter vor. Diese genetische Veränderung löst vornehmlich papilläre oder klarzellige Nierenzellkarzinome aus. Allerdings werden diese Art Tumore als relativ gutartig beschrieben, es kommt sehr selten zu einer Metastasierung.

Das Reed Syndrom - auch erbliches Leiomymatose und NierenzellkarzinomSyndrom (HLRCC)

Diese Erkrankung zeichnet sich durch gutartige Tumore (Leiomyome) aus, so haben 75% der Patienten einzelne oder mehrere Hauttumore. Diese Hauttumore treten meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf und nehmen mit der Zeit zu. 90% der Frauen haben auch Leimyome an der Gebärmutter. Nur 15% der Patienten bekommen ein Nierenzellkarzinom. Bei den Nierenzellkarzinomen handelt es sich meist um das papilläre Nierenzellkarzinom Typ 2, in seltenen Fällen können aber auch Ductus Bellini, Onkozytome, klarzellige und Wilms Tumore auftreten.

Die unter HLRCC auftretenden Nierenzellkarzinome zeichnen sich durch eine erhöhte Aggressivität aus. Daher wird auch eine sofortige Operation empfohlen. Im Falle einer metastasierten Erkrankung wird eine Studie am National Cancer Institute empfohlen, die für papilläre Nierenzellkarzinome des Typs 2 entwickelt wurde. In dieser Studie wird eine Therapie-Kombination von Bevacizumab (Avastin®) und Eroltinib (Tarceva®) erforscht. Lesen Sie darüber mehr in unserme Bericht vom ASCO 2016 – Neues über die Behandlung des nicht klarzelligen Nierenzellkarzinoms.

Mehr über HLRCC finden Sie auf den Seiten der HLRCC Familien-Allianz (in Englisch): http://www.hlrccinfo.org/

Hinweis vom Lebenshaus:

Die erblich bedingten Nierenzellkarzinome sind selten. Bei Diagnose eines seltenen Nierenzellkarzinoms ist eine pathologische Zweitmeinung auf jeden Fall sinnvoll.
Es gibt zur Zeit keine Leitlinien, wann weitere genetische Untersuchungen empfehlenswert wäre. Hilfreich ist hierbei jedoch der Blick zu der kanadischen Gesellschaft für Urologie, die einige Kriterien aufgestellt hat, wann Patienten eine humangenetische Untersuchung empfohlen werden könnte.

Wann ist eine humangenetische Untersuchung sinnvoll: Kriterien der kanadischen Gesellschaft für Urologie

Sie wird Patienten mit (gutartigen oder bösartigen) Nierentumoren empfohlen, die auch mindestens eins dieser folgende Kriterien erfüllen:

  • Tumoren auf beiden Nieren oder mehrere Tumoren in einer Niere
  • Diagnose des Nierenzellkarzinom in einem jungen Alter (≤ 45 Jahre)
  • Angehörige ersten oder zweiten Grades mit einem Nierentumor
  • Bei häufigem Lungenkollaps (Pneumothorax)*
  • Wuchung glatter Muskelzellen in der Umgebung von Blut- und Lymphgefäßen (Lymphangiomyomatose)*
  • Epileptische Anfälle in der Kindheit*
  • Bei folgenden Hautveränderungen:
    • Leiomyome der Haut *
    • gutartige (benigne) Tumoren der Haarfolikel (Fibrofollikulme / Trichodiskome)
  • Bei Feststellung von folgenden anderen Tumoren:
    • Paragangliom / Phäochromozytom *
    • Gutartige Tumoren (Hämangioblas-tom), die hauptsächlich im Kleinhirn, im Hirnstamm und im Rückenmark auftreten. *
    • Leiomyome der Gebärmutter bei Frauen <30

*oder einem Angehörigen ersten Grades mit dieser Diagnose

  • Patienten, die ein nicht klar-zelliges Nierenzellkarzinom mit ungewöhnlichen Ausprägungen haben (z.B. sogenannte Hybrid Tumore)
  • Patienten mit oder ohne Nierenzellkarzinom, die einen Familienangehörigen mit einer festgestellten Erberkrankung haben,
  • Von Hippel-Lindau Syndrom
  • Birt-Hogg-Dubé Syndrom
  • Leiomyomatose mit Nierenzellkarzinom (HLRCC
  • Erblich bedingtes papilläres Nierenzellkarzinom
  • Weitere erblich bedingte Tumoren: Paragangliom / Phäochromozytom
  • Tuberöse Sklerose

Quelle: Canadian guideline on genetic screening for hereditary renal cell cancers

Quellen:

  • ASCO GU 17: Keynote lecture: Dr. Marston Linehan - Genetic Conditions With Predisposition to Renal Cell Carcinoma
  • HLRCC: Informationen der Familien Allianz mit HLRCC http://www.hlrccinfo.org/
  • Birt-Hogg-Dubé-Syndrom: Informationen der BHDS Organisation
  • Dr. Bernard Escudier, Prof. Martin Gore: Renal Cell Carcinoma: A handbook: ISBN: 978-1-85959-226-7
  • Kriterien der kanadischen Gesellschaft für Urologie: Kanadische Leitlinie zum Erkennen von erblich bedingten Nierenzellkarzinom-Syndromen: Canadian guideline on genetic screening for hereditary renal cell cancers



Im Gespräch

Login

German English French Italian Portuguese Russian Spanish Turkish